Veröffentlicht am:
28.7.2026

Deutschlands wichtigster Rohstoff für den internationalen Wettbewerb ist Wissen

Deutschlands wertvollster Rohstoff ist Wissen. Und er geht gerade in Rente.

Metallische Rohstoffe importiert Deutschland zu nahezu 100 Prozent, Erdgas zu 95, Mineralöl zu 98 (BGR, Rohstoffsituation 2024). Trotzdem ist hier eine der leistungsfähigsten Industrielandschaften der Welt entstanden.

Der Rohstoff, aus dem sie gebaut wurde, war ein anderer: Konstruktionswissen, Prozesswissen, Erfahrung mit Anlagen und Kunden. Über Jahrzehnte gewachsen und deshalb nicht kopierbar. Er ist der Grund, warum deutsche Maschinen als zuverlässig gelten und warum Kunden für diese Zuverlässigkeit mehr bezahlt haben.

Dieser Rohstoff lag nie in den Systemen. Er liegt in Menschen. Das funktioniert, solange sie bleiben.

Zwei grundlegende Probleme

Bis 2039 erreichen 13,4 Millionen Erwerbspersonen das Rentenalter — 31 Prozent aller Erwerbstätigen von 2024 (Destatis, Mikrozensus 2024). Eine Nachbesetzung eins zu eins wird es nicht geben, weil die jungen Fachkräfte in der Menge dafür nicht existieren.

Dazu kommt das zweite Problem: Eine Arbeitsstunde im verarbeitenden Gewerbe kostet in Deutschland 48,30 Euro, 43 Prozent über dem EU-Durchschnitt und der vierthöchste Wert der Union (Destatis, 2024). Die industriellen Lohnstückkosten liegen 22 Prozent über dem Mittel von 27 Industrieländern; die USA und Japan produzieren mit bis zu 32 Prozent Niedrigeren (IW-Trends 2/2025). Das Produktivitätsniveau ist weiterhin hoch — das Wachstum aber liegt bei etwa 0,5 Prozent im Jahr und damit rund halb so hoch wie im OECD-Durchschnitt.

Der Vorsprung wurde immer mit teuren Stunden bezahlt. Solange er groß genug war, ging die Rechnung auf.

Wohin die teuren Stunden tatsächlich fließen

Ein erheblicher Teil dieser Stunden fließt heute nicht in Wertschöpfung, sondern in Vermittlung. Weil ERP,PLM, MES und Dokumentenablage nicht miteinander verbunden sind, stellen Menschen die Verbindung im Kopf her: suchen, nachfragen, den Kollegen finden, der weiß, warum das vor sechs Jahren so entschieden wurde. Das betrifft die Konstruktion ebenso wie Instandhaltung, Inbetriebnahme, Service und Qualitätssicherung — im Anlagen- und Netzbetrieb sogar stärker als in der Entwicklung. Gemessen wurde es bislang vor allem für Produkt- und Testingenieure: rund 25 Prozent des Arbeitstages (Robinson, JASIST 2010). Das ist kein Verhaltensproblem. Es ist ein Architekturproblem.

Genau an dieser Stelle entsteht zum ersten Mal eine echte Möglichkeit.

KI als Brücke – mit einer Bedingung

KI kann Erfahrung nicht ersetzen. Sie kann aber die Brücke übernehmen, die bisher erfahrene Mitarbeitende gebaut haben. Damit lassen sich Positionen kompensieren, die ohnehin nicht mehr nachbesetzbar sind — und der Kostennachteil einer teuren Arbeitsstunde wiegt weniger schwer, wenn diese Stunde nicht mehr fürs Suchendraufgeht. Für ein Hochlohnland ist das der aussichtsreichste verbliebene Effizienzhebel.

Er hat eine Bedingung. KI verwertet nur, was verbunden ist. Auf verstreuten Dokumenten sucht sie und fasst zusammen. Sobald es um Auswirkungen, Ursachen und Freigaben geht, braucht sie eindeutige Identitäten und explizite Beziehungen zwischen Objekten — Produkt, Änderung, Anforderung, Feldereignis. Wo die fehlen, erfindet kein Modell sie. Für industrielle Assets ist genau das inzwischen normiert: Die Verwaltungsschale nach IEC 63278-1 beschreibt Daten mit standardisierter Semantik über den Lebenszyklus. An dieser Grundlage scheitert es derzeit, nicht an den Modellen: 24 Prozent der Unternehmen fehlt schlicht die Datenbasis für KI, in der Industrie kommen heterogene Datenlage und fehlende Datenstandards hinzu (Bitkom, 2025).

Das ist keine IT-Aufgabe, die man delegieren kann. Es ist eine Transformation, die festlegt, was ein Unternehmen über sich selbst überhaupt aussagen kann.

Und sie hat ein Zeitfenster. Wissen lässt sich nur solange in Systeme überführen, wie die Menschen noch da sind, die es einordnen können. Danach bleibt Erz ohne Hütte.

Kernaussagen

Der deutsche Industrievorteil beruht auf Erfahrungswissen, nicht auf Rohstoffen. Dieses Wissen wurde nie in Systeme überführt, sondern von Personen getragen. Bis 2039 erreichen 31 Prozent der Erwerbspersonen das Rentenalter, wodurch der personelle Kompensationsmechanismus für fehlende Systemvernetzung strukturell entfällt, nicht nur konjunkturell. Gleichzeitig ist die Kostenposition angespannt: hohe Arbeitskosten bei schwachem Produktivitätswachstum lassen den Wissensvorsprung kleiner werden, der die teure Stunde bisher gerechtfertigt hat. Ein erheblicher Anteil teurer Ingenieurstunden fließt dabei in Informationsarbeit, weil Systeme nicht verbunden sind — der größte unerschlossene Effizienzhebel im Hochlohnstandort.KI kann diesen Hebel heben, aber nur bei semantisch verknüpften Beständen mit eindeutigen Identitäten. Sie ist damit Reifegradindikator, nicht Einstiegspunkt.

Häufige Fragen

Hohe Arbeitskosten hatte Deutschland doch immer. Was ist neu?

Neu ist, dass der Ausgleich fehlt. Zwischen 2018 und 2024 stiegen die industriellen Lohnstückkosten um 18 Prozent, während die reale Bruttowertschöpfung der Industrie leicht sank (IW-Trends 2/2025). Hohe Kosten waren tragbar, solange Produktivität und technologischer Vorsprung mitwuchsen. Beides tut das derzeit nicht.

Heißt das, KI soll Ingenieure ersetzen?

Nein, und die Datenlage gibt das auch nicht her. Deutschland hat kein Überangebot an Ingenieuren, Instandhaltern oder Servicekräften, sondern absehbar zu wenige. Ersetzt wird nicht Urteilsvermögen, sondern der Aufwand, verstreute Informationen zusammenzutragen. Der Effekt liegt darin, Stellen nicht eins zu eins nachbesetzen zu müssen, die sich ohnehin nicht mehr besetzen lassen.

Was heißt „verbunden" konkret?

Drei Dinge: Ein Objekt hat über alle Systeme hinweg eine eindeutige Identität. Seine Beziehungen zu anderen Objekten sind explizit hinterlegt statt implizit bekannt. Und zu jeder Information sind Stand, Freigabe und Herkunft maschinell auswertbar. Fehlt eines davon, ist eine KI-Antwort nicht überprüfbar und damit im Betrieb nicht verwendbar.

Warum reicht es nicht, vor dem Renteneintritt gründlich zu dokumentieren?

Weil Dokumentation Ergebnisse festhält, nicht Begründungen. In der Zeichnung steht der Änderungsstand, nicht die Kundenanforderung, die ihn ausgelöst hat, und nicht die verworfene Alternative. Genau dieses Entscheidungswissen ist der Teil, der mit den Personengeht.

Muss dafür die Systemlandschaft konsolidiert werden?

Nein, und der Versuch ist meist der teuerste Umweg. Tragfähiger als ein einziges führendes System ist die Festlegung, welches System für welchen Objekttyp die Wahrheit hält. Der Rest wird verknüpft, nicht migriert.

Quellen

Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR): Deutschland – Rohstoffsituation 2024

Statistisches Bundesamt: Arbeitskosten im europäischen Vergleich, 2024; Mikrozensus 2024 zum Renteneintritt

Institut der deutschen Wirtschaft: IW-Trends 2/2025, Industrielle Arbeits- und Lohnstückkosten im internationalen Vergleich

OECD Productivity Database (Produktivitätswachstum im Ländervergleich)

Robinson, M. A. (2010): An empirical analysis of engineers' information behaviors. Journal of the American Society for Information Science and Technology

Bitkom: KI-Studie 2025

IEC 63278-1: Asset Administration Shell for industrial applications

Tim Jansen
Managing Director

Tim Jansen

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